Die nominierten Künstler*innen sind keine Unbekannten mehr

Vielmehr sind alle vier viel gefragte Künstlerpersönlichkeiten, die auf den Biennalen der Welt präsent waren und deren Werke in Einzelausstellungen in Oxford, London, Warschau, Zürich und anderen Orten bereits vorgestellt wurden. In der Kleihues-Halle des Hamburger Bahnhofs treten sie nun in einer Ausstellung, die zum großen Vergleich einladen soll, gegeneinander an. Jeder Künstler muss ein neues Werk präsentieren, wobei alle Medien zugelassen sind: von der Skulptur über Video und Film bis hin zu größeren Installationen. Entscheidend ist allein die Wirkung und die Qualität des jeweiligen Auftritts.
Die vier Positionen, die in der Ausstellung aufeinander treffen, können kaum unterschiedlicher sein. John Bock ist mit schelmisch-grotesken Performance-Werken bekannt geworden, die Wissenschaft und Kunst zusammen führen und dabei ganz auf eine Ästhetik des Absurden setzen. Monica Bonvicini ist reduzierter, aber nicht weniger radikal: Sie geht von sozial-politische Gegebenheiten der Gesellschaft aus und produziert Skulpturen oder Installationen, die die Wirkung des Körpers im Raum offensiv erfahrbar machen. Angela Bulloch irritiert durch eine kühle Ästhetik: ihre klaren, strengen Arbeiten sind von den Regeln und Bildern der Gesellschaft abgeleitet und werden als Installationen oder Skulpturen selbst zu rätselhaften, abstrakten Chiffren. Anri Sala schließlich ist bislang mit Filmen in Erscheinung getreten, in denen aus scheinbar unspektakulären Ereignissen hochpoetische Welten entstehen. Seine Arbeiten sind intensiv und emotional, was angesichts der Alltäglichkeit des Gefilmten besonders überrascht.

Preisträgerin

Monica Bonvicini

geb. 1966 in Venedig, Italien

Begründung der Jury

Der Preis der Nationalgalerie für junge Kunst wird an Monica Bonvicini für ihre raumgreifende interaktive Installation Never Again vergeben.
Mit den ungewöhnlichen Materialien Zink, Leder, Gerüst und Industrieketten hat Bonvicini eine Arbeit geschaffen, die den formalen Kriterien einer konstruierten Skulptur gerecht wird. Der eindrucksvolle Gebrauch des Rasters, die komplexen linearen Aspekte der Struktur, das Spiel des Lichts auf der Oberfläche des Metalls und die Sinnlichkeit der Leder-Hängematten bringen zusammen eine greifbare Eigenschaft/Qualität hervor, die den Besucher zur Interaktion einlädt. Bonvicini hat dazu ein bemerkenswertes akustisches Element in ihre Arbeit eingeschlossen. Sobald sich die Besucher innerhalb der Arbeit bewegen, setzt das störende Element des Klirrens der Ketten auf dem Boden ein. Es weist auf die vielschichtigen sozialen Bedeutungen der Arbeit hin. Indem die Künstlerin die bislang isolierte Sprache der SM-Subkultur demonstrativ in einen öffentlichen Rahmen stellt, lädt sie ein, sich mit den immer noch aktuellen Prozessen der Subkultur der 60er Jahre auseinanderzusetzen.

Ankauf der Preisträgerin

Shortlist & Ausstellungen

2. September – 16. Oktober 2005
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin

John Bocks

John Bocks Beitrag war zunächst ein Vortrag, der wie immer aus einem virtuosen Redeschwall und Aktions-Gewitter bestand. In diesem Vortrag verband der Künstler den Urknall mit dem ländlichen Leben auf der grünen Koppel, benutzte Q-Tips als Schraubenschlüssel und bezeichnete seinen dramatischen Fenstersturz als „cash flow“. Immer geht es bei John Bock um die Verquickung von Wissenschaft und Kunst, der assoziativen Überblendung von Volkswirtschaft und Landwirtschaft, den ästhetischen Bogen, der in der meech (milch) beginnt und bei einer Regressionsanalyse endet. Die vorgetragenen Texte sind nicht non-sense, sondern Ausdruck einer beständigen Identitätssuche des modernen Zeitgenossen, der zwischen Leistungswelt und Selbstverwirklichung aufgerieben wird. Der Künstler als trauriger Clown, als postmoderner Buster Keaton, wie Jens Hoffmann geschrieben hat. Wichtigster historischer Bezugspunkt von Bock ist nicht Dada, wie immer wieder gesagt wird, sondern Antonin Artaud – also jener legendäre Theatermann der klassischen Moderne, der die Bühne für die anarchischen und spirituellen Kräfte und für den Blick auf das Universum öffnete. 1933 widmete Artaud der „Pest“ ein Bühnenwerk, das zur Inspirationsquelle für die heutige Aktion von John Bock wurde. Der „PestKOP“ John – durch eine Plastikperücke vergrößert – muss erst das Museum verlassen, um sein Heil außerhalb zu finden, nämlich am Spreekanal und schließlich in einem fellinihaften Schiff der Träume, mit dem er vom Museum aufbricht und jede Kunstwelt hinter sich lässt. Das Museum – eine Farce. Der Raum blieb leer.

Monica Bonvicini eröffnete die Ausstellung mit einem Raum, der auf den ersten Blick so wirkte, als sei er die Fortsetzung der von Hilla und Bernd Becher fotografierten Fördertürme: auch bei Bonvicini beherrschten rohe Strukturen und ein Wirrwarr aus metallenen Vertikalen und Horizontalen das Werk. Schwere Ketten, schwarzes Leder, frei hängende Schaukeln signalisierten jedoch: dies ist ein Spielplatz für Erwachsene, ein Trimmgeräte-Park für Liebhaber des harten Sex. Zwölf Schaukeln mit Öffnungen für Beine und Arme und Ösen zum Anbringen von Fesseln luden zur Benutzung ein. Diese Einladung ist zweideutig. Sie verweist, ebenso wie die Kunst von Paul McCarthy oder Mike Kelley, auf die sexuellen Tabubereiche, auf die Sado-Maso-Szene, sozusagen auf den „darkroom“ der Gesellschaft, den Bonvicini hier taghell ausleuchtete. Das fiese Rasseln der Ketten, die Dominanz und Dichte des hängenden Metalls, durch das man sich als Besucher hindurchkämpfen musste, ließ auch an Gefängnisse denken, an Folterung von Abu Ghrain bis zur Bundeswehr-Kaserne. Gerade das kalte Licht und die zellenartige Wirkung des Raumes verstärkten solche Assoziationen. Anderseits sind die Schaukeln viel zu edel und elegant, um nur Mahnmal oder lustvoller Spielplatz zu sein. Der Minimalismus der Formen und Farben – wenige Linien, die immer gleichen Materialien, alles in schwarz und metallic – erhebt den Spielplatz zur formalen Skulptur, die in ihrem rohen Baustellen-Charme schließlich auch den Museumsraum umdeutet. Die Installation erscheint als transitorischer Ort – eine sehr schöne Metapher für eine Ausstellung, die so temporär ist wie ein Preis.

Monica Bonvicini

Angela Bulloch

Angela Bulloch betrachtet die Welt sehr systematisch. Für den Hamburger Bahnhof hat Bulloch eine komplexe und zugleich überwältigende Sound- und Lichtinstallation geschaffen. Im Zentrum befinden sich zwei Plattformen: ein Boden und eine Decke, die gegeneinander versetzt und aufeinander bezogen sind und eine artifizielle Bühnensituation herstellen. Leuchtfäden verbinden die Bühne mit dem Raum und in ihrer Verästelung auch mit dem Titel der Installation „The disenchanted forest“ – der entzauberte Wald. Die Entzauberung ist dabei ganz analytischer Natur: im Tiergarten und anderswo hat Angela Bulloch bemerkt, dass die Bäume von der deutschen Forstverwaltung mit Metallplättchen gekennzeichnet werden. 1001 solcher Metallplättchen hat Bulloch nun im Raum aufgehängt und ein rasender Lichtkegel, der über die Nummern huscht, thematisiert das endlose Zählen der Nummern. Plakate mit gerasterten Motiven an der Wand verweisen in die Kunstgeschichte, nämlich auf die Op-Art und auf den Lichtkünstler Adolf Luther, dessen Krefelder Atelier auf einem Poster zu sehen ist. Auch die spinnweben-artigen Fäden sind nicht nur Naturreflex, sondern lassen sich vor allem auf Marcel Duchamp beziehen: „Sixteen Miles of String“ heisst seine berühmte Installation in der Surrealisten-Ausstellung von 1942 in New York, mit der Duchamp den gewöhnlichen Ausstellungsraum verkabelt und damit durchbrochen hat. Auch bei Bulloch verdeutlichen die Fäden die Verortung der Kunst im Museumsraum, bei ihr ist jedoch aus den 16 Meilen „ein Kilometer“ geworden, 1000 Meter also, passend zu den 1001 Plaketten der Bäume. Diese beständige Parallelen und Analogien betreffen auch die Interaktion von Klang und Licht: die sphärische Musik, komponiert im Auftrag der Künstlerin von Florian Hecker, ist elektronischer Natur und schafft zusammen mit den wechselnden Lichtstimmungen eine digitale Romantik, die im selben Moment, in der sie sich einstellt, sogleich an der laborartigen Nüchternheit der Installation zerschellt. Letztlich ist die Entzauberung des Waldes auch eine Entzauberung der Kunst, deren Bühnenmittel – Raum, Zeit, Ton, Licht – von der Künstlerin bloßgelegt werden. Diese Entzauberung geschieht jedoch mit solch einer Magie, dass jede Systematik wiederum aufgehoben ist.

Die Welt von Anri Sala wiederum ist fest gebaut. Man betritt sie über Korridore und einen dunklen Plastikboden, was bereits erahnen lässt, dass künstliche Lebensräume hier eine große Rolle spielen. Tatsächlich ist der Film, den Anri Sala für die Ausstellung gedreht hat, im Märkischen Viertel entstanden, also in jenem steinernen Traum der Architekten der sechziger Jahre, die mit einer großräumigen Planung von 100.000 Wohnungen die sozialurbanen Probleme in den Griff kriegen wollten. „Lange Jammer“ heißt das Hauptgebäude des „Märkischen Viertels“, als Stichwort wie geschaffen für einen Künstler wie Sala, der prompt seinen dreizehnminütigen Film danach benennt. „Long Sorrow“ ist ein Film über Grenzbeschreitungen, über das Wechselspiel von innen und außen, von Nähe und Ferne. Im Zentrum steht der schwarze Musiker Jemeel Moondoc und seine Free-Jazz-Improvisation in einem fast surrealen Szenario. Denn der Jazzer spielt nicht im Zimmer, sondern vor dem Fenster im 18. Stock, frei über der Stadt schwebend. Das Fenster – seit Alberti in der Renaissance der Inbegriff des Bildes und der Kunst – wird zum Projektionsfeld einer äußeren Welt, die sich nach innen spiegelt und sich mit der Welt des Musikers nur über abstrakte Bilder verbindet. Autos und Busse durchqueren den Geist des Saxofonisten, während er spielt. Jazz und Betonraster, Live-Performance und Angst vor dem Absturz greifen ineinander. Als Zuschauer steht man mittendrin, denn die Ausstellungsarchitektur nimmt Bezug auf die Blockstruktur des Märkischen Viertels. Es ist gerade diese Offenheit, das Entgrenzte, und das nicht Narrative, das den Film und den dazu gehörigen Raum als rätselhaft und symbolisch erscheinen lässt. Mit dem Bild eines Schwarzen in der Trabantenstadt und auch mit den Schwenks über die Betonstrukturen der monströsen Architektur gewinnt der Film auch bedrohliche Untertöne. Das freie Spiel erscheint als Zitterpartie und endet demonstrativ mit stummen Bildern eines landenden Flugzeugs, das geradewegs in das Gebäude zu rasen scheint. Die Möglichkeiten des freien Lebens, scheint uns Anri Sala mit „Long Sorrow“ zuzurufen, sind fragil und schutzbedürftig.

Anri Sala

Jury

Erste Jury

Waling Boers
Julian Heynen
Angelika Nollert

Zweite Jury

Alana Heiss
Erika Hoffmann-Koenige
Eugen Blume

Impressionen

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Seit 2006 ist BMW Partner des Preis der Nationalgalerie und bekräftigt auch zukünftig sein Engagement für diese bedeutende Auszeichnung.
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